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Karnevalssonntagspredigt 2012

 

Jedem Jeck sing Pappnas

Liebe Gemeinde,
liebe kölsche Jecke,
leev Pappnase,

kutt ahl rin in die Kirch, he knubbelt et sich wie ob der Fronleichnamsprozession in der Sakristei. Verliert Eure Pappnas nit, denn die bruche mer noch für die Prädigt.

Wat för a schön Motto! „Jedem Jeck sin Pappnas!“ Besser kann mer in Kölle doch nit sagen: „Seid tolerant!“

Tolerant kann vom lateinischen Wort „tolerare“, was übersetzt bedeutet: tragen, ertragen, eine Last tragen, erdulden. Der Tolerante ist bereit, eine andere Nase - eine Pappnase - zu ertragen, auch dann, wenn die Pappnas anders denkt, sich anders verhält oder anders tickt. Das ist kölsche Toleranz oder anders ausgedrückt:

Jedem Jeck sing Pappnas!

 

Apropos: Toleranz

Es ist Heiligabend. Eine Familie bereitet sich mit den 4 Kindern auf die Bescherung vor. Es werden die Möbel gerückt, damit der Weihnachtsbaum passt, es geht hoch her bei Familie Schmitz und ihren kleinen Kindern. Es will einfach keine weihnachtliche Stille einkehren und dann klingelt es plötzlich an der Wohnungstür. Das Christkind? Im Türrahmen steht die füllige Untermieterin und raunzt die Familie an: „Wohnen denn Elefanten über mir? Das muss ja wohl eine ganze Herde sein!“ Der Jüngste der Familie schaut seinen Papa an und fragt: „Papa, ist das etwa das Christkind?“ Darauf antwortet der Papa: „Ne, mein Sohn, nur ne dicke Bescherung!

 

Apropos: Bescherung

Während die Famile Schmitz weiter den Christbaum schmückt, legen die Italiener in St. Maria Himmelfahrt die letzte Hand an ihrer Krippe an. Auf einmal stellt die Sekretärin Angela fest. „Der Guiseppe d.h. der Jupp is weg. Dann fängk de Mess an und sie flüstert Pater Gildo zu: Padre Gildo der Jupp is weg. Nach der Messe eilen beide zur Krippe und nun is och noch et Maria weg. Dann finden se nen Zettel mit einer Kinderschrift, darauf steht. „Liebes Christkind, wenn ich nach der Messe nicht unterm Weihnachtsbaum als Bescherung ein Fahrrad finde, siehst du deine Eltern nicht wieder!“

Toleranz setzt eine Weitherzigkeit des Herzens (die der Untermieterin abging) und vor allem Respekt oder Nachsicht gegenüber dem anderen voraus. Toleranz ist dem Kölner schon bei der Geburt in die Wiege gelegt worden – na ja, solange er es nicht mit den Düsseldorfern zu tun bekommt – Ja, schon unsere Eltern oder Großeltern mahnten stets zur Toleranz, wenn sie sagten:

Jeck lohß Jeck elans

Tolerante Menschen sind menschlich. Wenn die Toleranz verloren geht, wenn wir unsere Pappnase verlieren, haben wir es schnell mit den Strukturen von Macht, Gewalt, Nationalismus und Diktatur zu tun. Ohne Toleranz kann keine Gesellschaft leben oder überleben.

 

Apropos: Überleben

Ein Bergsteiger ist auf Klettertour, rutscht aus, stürzt einen Hang hinab und kann sich nur noch an einer Latschenkiefer festhalten, die über einem steilen Abhang steht. Als seine Kräfte nachlassen, seine Hände klamm werden, blickt er verzweifelt um sich und ruft: Hilfe, Hilfe, hört mich jemand?“ Da antwortet ihm der liebe Gott: „Ja, ich höre dich!“ „Der Bergsteiger fragt ihn, was soll ich tun?“ „Bete und dann lass dich in meine Hände fallen, antwortet der liebe Gott.“
Der Bergsteiger überlegt kurz und ruft dann: „Hilfe, ist da vielleicht noch jemand!“

In den letzten Monaten haben wir ja in den arabischen Ländern gesehen, dass die Diktaturen nicht überlebt haben. Die Menschen haben einmal mehr den politischen Pappnasen gezeigt, wie man das schafft.

 

Apropos: Schaffen

Einige Tage nach der Erschaffung Adams, fühlte er sich im Paradies einsam und er beklagte sich bei Gott über sein Alleinsein. Nun, so fragte der liebe Gott: Was wäre Dir denn ein anderer Mensch für ein Körperteil wert? Welch Körperteil kann ich Dir entnehmen, damit Du eine schöne, intelligente, attraktive, sportliche Gefährtin bekommst? Vielleicht deine Augen? Nein, dann kann ich sie nicht sehen. Ein Bein? Nein, dann kann ich mit ihr keinen Sport treiben? Einen Arm? Nein, dann kann ich sie nicht richtig in den Arm nehmen. Leeven Herjott, wie wär et dann mit ner Ripp? Wööd dat nit och zur Schaffung einer Frau reichen? Ja, dat is ne janz jute Idee, denn ich hatte schon an Dein Gehirn jedaach, evver wo nix is, da kann ja och nix druß weede.

Toleranz ist eine Haltung, die sich bemüht, den anderen in seinem Anderssein zu erkennen und zu verstehen. Das drücken wir in Köln mit der Lebensweisheit aus:

 

Jede Jeck is anders jeck.

Wenn ich mir heute all die Pappnasen ansehen, dann ist jeder Jeck hier anders jeck kostümiert. Auf Karneval schlüpfen wir in die Rolle eines anderen. Als echte Pappnase lasse ich meine eigenen Vorurteile los und begegne mir und dem anderen in einer anderen Rolle – einmal ganz anders.

Wie schön wäre es, Angela Merkel, den Bundespräsidenten oder unseren Kardinal auch einmal mit einer Pappnase zu sehen. Das wäre dann echt biblisch, denn schon Paulus sagte in Galater 3,28: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „Einer“ in Christus Jesus“. Schon vor 2.000 Jahren setzte sich Paulus für Toleranz ein. Heute würde er dafür plädieren, dass jeder eine Pappnase anzöge, um zu zeigen, dass er tolerant ist. Gerade diese Bibelstelle ist auch seit 50 Jahren die Richtschnur für die Pastoralarbeit mit und für die katholischen Fremden im Erzbistum Köln. Wir haben keine Integrationsprobleme. Mit der Taufe und nicht mit dem Pass gehören bei uns alle Christen dazu. Sie kriegen sozusagen bei der Taufe ihre kölsche Pappnase.

Mit einer Pappnase op der Nas wird man zum Brückenbauer von Mensch zu Mensch, von Köln nach Deutz, vom Kölner zum Düsseldorfer oder von Köln zum Rest der Welt.

Eine Pappnase verbindet reich und arm, dann is et ejal, ob du jung oder alt bist oder en ahl Möhn jewoode bis.

Apropos: Ahle Möhn

Der Pastor bringt die Krankenkommunion in die Seniorenresidenz und trifft dort die neunzigjährige Frau Schmitz. Frau Schmitz sagt zum Pastor: „Leeven Herr Pastor, kann ich noch ens kooz bichte, bevor ich die Kommion empfange?“ Aber Frau Schmitz, wat han Sie denn noch in ihrem Alter zu bichten? Waaden se aff, Herr Pastor!“ Ich hann ne janz junge Krankenpflejer verführt!“ Aber Frau Schmitz, doch nicht in ihrem Alter! Jo, Herr Pastor, et is wirklich wohr, och wenn dat schon siebzig Johr her is, evver ich bichte dat immer so jän!

Jesus mochte die Rigoristen seiner Zeit nicht, die Pharisäer und die Schriftgehrten führte er oft vor, um sie an Barmherzigkeit, Liebe zum Nächsten und eine tolerante Lebenshaltung zu ermahnen. Alle Evangelien atmen den Geist dieser Toleranz. Der Ehebrecherin verzeiht er, Magdalena nimmt er in den erweiterten Kreis seiner Jünger auf, den Banker Bartholomäus macht er zu seinem Jünger etc.
Jesus erzählt auch die Geschichte vom Unkraut unter dem Weizen, das er bis zur Reife wachsen lässt. Alles Beispiele einer gottgeschenkten Toleranz frei nach dem kölschen Motto:

„Mer muß levve un levve loße“

und das ist eine Mahnung für mehr Toleranz und weniger Wettbewerb.

 

Apropos: Wettbewerb

Ein paar Jungen stehen beieinander und prahlen mit den Berufen ihrer Onkel. Der erste sagt: “Mein Onkel ist der Weihbischof Dr. Koch! und alle sagen Exzellenz zu ihm.“ „Da sagt der zweite: „Mein Onkel ist Kardinal Meisner!“ und alle sagen Eminenz zu ihm. Da sagt der dritte im Bunde, das ist doch gar nichts: „Mein Onkel is Prälat, und wenn dä mit singen dicken Buch durchs Dorf jeht, sagen alle: „Oh, allmächtiger Gott!“

Der Tolerante kann übrigens warten. Er hofft, dass der andere auch seinen Weg findet, auch wenn er dem eigenen nicht entspricht oder sogar widerspricht. Welcher Kölner würde schon freiwillig den Weg nach Düsseldorf gehen, aber wir lassen sie tolerant wie wir sind, nach Düsseldorf gehen, denn auch Irrwege führen schließlich ans Ziel.

In Gottes Güte und Toleranz lässt er die Sonne aufgehen über Guten und Schlechten, über Kölnern und sogar Düsseldorfern, ja über jeder Pappnas, denn Jesus predigt nicht nur Toleranz, sondern ist selber tolerant.

 

Apropos: Pappnas

Eine griechischer Politiker steht an der Klagemauer in Jerusalem und fragt: „Gott, bist du da?“
„Ja, antwortete er.“ Darf ich dich etwas fragen? Ja, mein Sohn.
„Was sind für dich 100 Millionen Jahre? Eine Sekunde mein Sohn!
„Was sind für dich 100 Millionen Euro? Ein Cent mein Sohn!

Kannst Du mir dann 100 Millionen Euro geben?
Ja gern, wenn du eine Sekunde wartest, du Pappnas!

 

Die Frohe Botschaft von heute schließt mit dem Satz: Da gerieten alle außer sich, priesen Gott und sagten: „Su jet ha´mer noch nie jesinn!“


Ich wünsche Ihnen gleich beim Karnevalszug – viele Pappnasen als sichtbares Zeichen einer christlich geprägten Toleranz. Geraten Sie alle außer sich vor Freude, preisen sie Gott, schunkeln und singen sie laut und sagen sie zueinander: „So schöne Pappnasen wie hück ha´mer noch nie jesinn! Amen

Hans Gerd Grevelding
Diakon

 

 

 

 

 
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